EXTRAORDINARY TALES / AUßERGEWÖHNLICHE GESCHICHTEN – Leif Horns

EXTRAORDINARY TALES / AUßERGEWÖHNLICHE GESCHICHTEN

Filmkritik von Leif Horns, Beckmann’s Schulzeitung

Als er in Gestalt eines Raben auf dem Friedhof den Trost der Einsamkeit sucht, vernimmt der verstorbene Edgar Allan Poe eine körperlose Frauenstimme. Sie stellt sich als der Tod höchstselbst heraus und beginnt mit dem Schriftsteller über dessen Obsession mit der Endlichkeit des Lebens zu sinnieren. Hierbei werden wir durch Geschichten über Wahnsinn und Mord, Nekromantie und Seuchen aus dem Lebenswerk des Genies geführt. (Behandelt werden The Fall of the House of Usher, The Tell-tale Heart, The Facts in the Case of M. Valdemar, The Pit and the Pendulum und The Masque of the Red Death.)

Ein jeder kennt ihn. Selbst jene, welche mit seinem Oeuvre nicht vertraut sind, dürften zumindest einmal von dem literarischen Genius Edgar Allan Poe gehört haben. Nunmehr hat sich Raul Garcia, welcher lange Zeit in der Animationsabteilung im Hause Disney dienstlich und an Filmen wie Der König der Löwen, Hercules oder Tarzan wirksam war, als Regisseur und Drehbuchautor an einige ausgewählte Werke des so einflussreichen Künstlers gewagt. Hervor ging das charmante Werk Extraordinary Tales, welches zwar weit unter dessen kreativen Potential liegt, jedoch besonders für Horror- und Poefans durchaus so manches Pläsier bereithält und insgesamt als gelungenes Projekt zu betrachten ist.

Die Geschichte beginnt mit Poe selbst, welcher nach seinem Ableben in Gestalt eines Raben umher zieht und in einem einsamen Friedhof Trost sucht. Ihm zu Ohren kommt sodann eine Stimme, die ihn ob seiner Obsession mit dem Tod neckt, ihn fragt, welche seiner verstorbenen Geliebten er diesmal nachzutrauern gedenkt. Während die beiden gemeinsam sinnieren und der Rabe seine Besessenheit abstreitet, beziehen sie sich ein manches Mal auf Poes Schriften, welche hierauf in animierter Form gezeigt werden.

Eine fürwahr anmutige Weise die verschiedenen Interpretationen zu binden und einen Kontext zu verleihen. Allerdings hätte man sie noch weitaus eleganter ausführen können, als es hier der Fall ist. Den Dichter gewissermaßen wieder zum Leben zu erwecken und ihn einen philosophischen Diskurs mit dem Tod selber, als welcher sich die Stimme schließlich herausstellt, führen zu lassen, stelle ich mir als ungemein spannend vor. Hier dient diese Idee jedoch weniger als eigenständiger Part sondern eher als Bindemittel für die Animationen. Verstehen sie mich nicht falsch, diese Aufgabe wird durchaus adäquat ausgeführt und soll positiv angemerkt sein. Es ist nur so, dass sich dieser Aspekt so viel düsterer und komplexer hätte gestalten lassen. Zu aufgeweckt und umgänglich wirkte der Rabe, als das ich wirklich den so verbitterten Exzentriker Poe darin sehen konnte. So viel bunter und verspielter als man es von dessen beklemmenden Schreibstil kennt wirkte die Umgebung des Friedhofs. Tatsächlich werden wir feststellen, dass ähnliche Umstände auch den Film in seiner Gesamtheit, beziehungsweise viele seiner einzelnen Teile betreffen. Doch lassen sie uns, bevor wir hierauf näher eingehen zunächst die fünf Interpretationen, welche ja das Herzstück des Films darstellen, unter die Lupe nehmen.

Den Anfang macht The Fall of the House of Usher, die Tragödie über den schwer depressiven Adeligen Roderick Usher und dessen Besessenheit ob seiner Zwillingsschwester, welche ihn und sein Haus schließlich ins Verderben stürzt. Hierbei übernimmt, wie ihn vier der fünf Geschichten, ein Erzähler die Narrative, während simultan das Erzählte als Animation zu sehen ist. Hierbei werden lediglich gekürzte Originaltexte Poes vorgelesen, wodurch direkte Rede nur minimal vorhanden ist und es sich eigentlich eher um bewegte Graphic Novels als um wirkliche Filme handelt. Das ist an sich kein Makel, doch leider mindert es die Immersion erheblich. Es entsteht eher die Atmosphäre einer abendlichen Märchenstunde, als dass die bedrückende, beizeiten verstörende Natur der Texte sich zu tragen kommt. Allerdings trumpft diese erste Erzählung dadurch auf, dass niemand geringerer als der unlängst verstorbene Sir Christopher Lee hier als Vorleser dient und Poes Schreibstil, bei welchem jedes einzelne Wort mit solcher Hingabe gewählt und platziert zu sein scheint, durch seine markante Aussprache mit tadelloser Finesse zum Leben erweckt. Es bleibt der Kaminfeuereffekt zwar bestehen, doch zumindest so gut wie nur möglich ausgeführt. Des Weiteren erinnert diese Interpretation in der visuellen Gestaltung mit den leicht karikativ dargestellten Charakteren, verzerrten Kulissen und gedeckter Farbgestaltung an die Stop-Motion Filme Tim Burtons. Auch unterstreicht die dynamisch treibende Orchestermusik von Sergio De La Puente, welcher zwar alles andere als bedrückend  ist, aber an und für sich dennoch loben erwähnt sei, diesen Effekt. Insgesamt bietet sich uns also zunächst ein stimmungsvoller, leicht verdaulicher Einstieg, bei dem man allerdings dem groteske Wahnsinn des Roderick Usher und die düstere Traurigkeit seiner Gemäuer durch die eher kindliche Atmosphäre nicht ganz gerecht wird.

Während seines Disputs mit dem Tod reagiert der Rabe auf den Vorwurf des Nihilismus hin entrüstet und entgegnet, in seinen Werken würden sehr wohl Moral und Gerechtigkeit seinen Platz haben, woraufhin eines seiner wohl bekanntesten Werke, The Tell-tale Heart abgespielt wird.

Inspiriert durch den argentinischen Comiczeichner Alberto Breccia ist diese Geschichte eines Mörders, der sein perfekt kaschiertes Verbrechen aus Verzweiflung eigens gesteht, durchweg in graustufenlosem Schwarz-Weiß gehalten. Was auf den ersten Blick recht interessant erscheint, erweist sich leider als wenig atmosphärisch, zumal die Animationen natürlich nicht ansatzweise so detailliert ausfallen wie die Zeichnungen Breccias. Ähnlich verhält es sich mit dem Erzähler, der Horrorfilmlegende Bela Lugosi, beziehungsweise einer alten Aufnahme, auf welcher er The Tell-tale Heart liest. Die Tatsache als solches, dass uns ein seit Langem verstorbener Schauspieler vorliest, quasi aus dem Grabe heraus, sowie die kratzige Tonqualität habe zwar einen schaurig schönen Effekt, erscheinen dann aber doch eher etwas albern, auch weil Lugosi für heutige Verhältnisse mit geradezu Klischeehafter Manier spricht.

Dieser Gebrauch von nostalgischen Horrorplattitüden sieht man ebenfalls bei The Facts in the Case of M. Valdemar wo ein Hypnotiseur mit seinem zwielichtem  Handwerk den Tod eines Freundes zu verhindern versucht. Mit Cel-shading-look und Pastellfarben bezieht man sich auf den Stil alter Comics doch die Animationen der Charaktere wirken hier äußerst hölzern und fügen sich nicht recht in die Cartoonkulissen ein. Wohl als Hommage auf alte Filme schwirrt außerdem im Hintergrund zum Soundtrack ständig das hohe Gedudel mit, welches man aus alten Filmen und deren Parodien kennt. was dann doch ziemlich lächerlich klingt.

Den Tiefpunkt erreichen wir schließlich mit  The Pit and the Pendulum, zwar gekonnt eingesprochen vom bekannten Regisseur Guillermo del Toro, aber umso schäbiger animiert. Die Leiden eines zum Tode verurteilten Gefangenen, welcher von einer Qual zur nächsten getrieben wird, wirkt hier eher nebst CGI wie die Zwischensequenzen eines billigen Videospiels, was durch ein fragwürdiges Stilmittel, bei welchem simultan mehrere Ausschnitte einer Szene gezeigt werden, noch verstärkt wird. Lassen sie uns also hurtig vorangehen, denn zur letzten Geschichte hin zeigt sich ein erfreulicherweise ein drastischer Qualitätsanstieg!

Als ein Prinz mitsamt seiner Gesellschaft in seine Gemächer flüchtet um dort von der im Land grassierenden Pest geschützt ein Fest nach dem anderen zu veranstalten, schleicht sich ein ominöser Fremder in roter Kutte und verstörender Totenmaske unter die Gäste. The Masque of the Red Death ist die wohl gelungenste Interpretation der Runde. Zunächst überzeugt sie durch den expressionistisch anmutenden Stil, der wie mit Gouache und Aquarellfarben gemalt zu sein scheint. Auch fallen die Bewegungen der Charaktere hier deutlich flüssiger aus, als in den Vorgängern, wodurch sie weniger unbeholfen erscheinen und besser mit den statischen Hintergründen harmonieren. Die dabei gezeigten Szenarien sind darüber hinaus nicht nur überaus schön anzusehen, sondern mit beachtlicher Fantasie aus der Vorlage adaptiert. Denn dort werden die sieben Festsäle des Prinzen, bis auf den letzten, fast ausschließlich über die Farben, welche durch getönte gotische Fenster fallen, beschrieben. Hier jedoch wird diesen jeweils ein lasterhaftes Vergnügen und dementsprechende Feiernde zugeteilt. So wird gespielt, getanzt, gefressen und sich allerlei anderen fleischlichen Lüsten hemmungslos hingegeben. Schließlich hebt sich The Masque of the Red Death durch den Verzicht auf einen Erzähler aus. Man lässt die Bilder für sich selber sprechen, ihre eigene Aura ungestört entfalten und uns ungestört in diese Welt abtauchen, die ohne viele Worte auskommt.

Der Film endet schließlich mit Poes endgültige Einkehr in das Reich der Toten nachdem dieser sich in Rabengestalt als Relief über seinem Grabstein verewigt, was eine charmante Anekdote an den Edgar Allan Poe gewidmeten Gedenkstein ergibt.

Jetzt, geschätzte Leser, da wir uns so ausführlich und kritisch mit den einzelnen Abschnitten befasst haben, lassen sie uns noch einmal über das Gesamtwerk resümieren. Da ich an mancher Stelle recht harsch vorangegangen bin, wird vielleicht der Eindruck entstanden sein, von Extraordinary Tales sei wenig bis rein gar nichts zu halten. Dies ist, wie eingangs erwähnt, durchaus nicht der Fall. Lediglich wurmt es mich ob des ungemeinen Potenzials, welches verlorenging. Die Geschichte der Filmkultur zeigt uns, welche Möglichkeiten der Animationsfilm birgt, besonders wenn es um die Visualisierung phantastischer Inhalte und Ideen handelt. So ist eine der größten Schwächen der Gebrauch von Erzähler, was nun mal der einfache aber eben auch geringwertigere Weg ist . Man hätte sich vielmehr auf die Animation als autarkes Stilmittel konzentrieren und mit mehr Fantasie adaptieren müssen. Auch wäre es unfassbar viel besser gewesen, die Animationen nicht derart CGI-lastig zu gestalten, wenngleich dies mit mehr Umständen einherginge. Auch wäre eine Stop-Motion Interpretation, ähnlich wie man sie aus den Musikvideos der Band Tool oder dem Kurzfilm Balance von Christoph und Wolfgang Lauenstein kennt, hier sehr passend gewesen.

Darüber hinaus halte ich die erzeugte Atmosphäre für zu lasch. Immerzu ist diese zu verspielt und kindlich oder übermäßig auf Horrorfilmanekdoten aufgebaut. Für Liebhaber des Genres dürften die vielen Überraschungen und bildlichen Zitate zwar durchaus amüsant sein und jüngeren Zuschauern wird hier die düstere Welt Poes näher gebracht, aber als keine der beiden Gruppen Angehöriger sah ich mich nur geringfügig angesprochen. Wie sehr wünschte ich mir eine Atmosphäre, die mehr auf behäbigem Pacing und ruhiger düsterer Melancholie aufbaut, verfeinert mit dem beklemmendem Genie Poes. Hätte man sich eher von Werken wie Ghost in the Shell und Erazer Head als vonTim Burtons Animationsfilmen und alten Horrorklassikern inspirieren lassen, so wäre sicherlich ein weitaus reiferes, anspruchsvolleres Werk dabei hervorgegangen. Aber jetzt habe ich alte Miesmuschel wohl mehr als genug vor mich hin gemosert und entlasse den geschätzten Leser hiermit, um sich beizeiten ein eigenes Urteil zu bilden. Gehaben sie sich denn wohl.