3 Fragen an

LUCAS – Internationales Festival für junge Filmfans geht dieses Jahr in die 40. Runde! Das ist ein Grund zum Feiern und Anlass, mit Freund/innen und Wegbegleiter/innen auf über vier Jahrzehnte Kinder- und Jugendfilm in Frankfurt zurückzublicken. LUCAS hat nachgefragt!

Was verbinden Sie mit LUCAS?
Die Programmauswahl beim LUCAS-Festival stand oft unter einer offenen Fragestellung: Werden Kinder den Film verstehen und etwas an ihm finden? Das war spannend, weil sich das Festival vom herkömmlichen Kinderfilmverständnis abwenden wollte. Stattdessen traute es seinem jungen Publikum eine große Aufgeschlossenheit für ernste und anspruchsvolle Filme zu. Gewiss, eine lebensbejahende Perspektive war dabei immer wichtig! HENRY AND VERLIN, WHERE THE SPIRIT LIVES, LE GRAND CHEMIN oder KÖNIG DER MASKEN – Filme wie diese fanden bei den jungen Kinobesuchern und bei den Kindern in der Jury großen Anklang. Sie gaben mit neuen Sichtweisen und Stimmungen eine differenzierte filmische Antwort auf die Frage, was man Kindern zumuten soll.

Ihre schönste LUCAS-Erinnerung?

Mitte der 90er war der finnische Regisseur Reimo O. Niemi mehrmals zu Gast in Frankfurt. LUCAS hatte sein Programm für Jugendliche erweitert und Reimo zeigte eine besondere Ader für Jugenddramen wie KISSAN KUOLEMA und TOMAS. Als Reimo einmal bei seiner Anreise erst sehr spät eintraf, fand er keine Zeit, sich am Festivalcounter mit D-Mark einzudecken. Das wurde zum Problem beim abendlichen Meeting der Festivalgäste im Restaurant. Um seine Rechnung zu bezahlen, sang er spontan populäre Lieder und machte mit dem Hut die Runde. Seine Stimme war großartig. Das Geld für Essen und Trinken kam schnell zusammen. Einmal als Talent entdeckt, stand er auch an den nächsten Tagen im Mittelpunkt. Immer mehr Gäste folgten seinem Beispiel mit eigenen Musikdarbietungen. Durch Songs aus verschiedenen Kulturen wuchs die Verbundenheit und stieg die Stimmung. Es machte viel Spaß, sich von Reimo mitreißen zu lassen.

Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?
Als Mitarbeiter des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums danke ich LUCAS für die zurückliegende langjährige Kooperation und wünsche dem Festival, dass ihm seine Innovationskraft erhalten bleibt. LUCAS hat sich über die Jahrzehnte eine ausgezeichnete Basis bei jungen Kinobesucher/innen geschaffen. Möge sein inspiriertes Publikum weiter den Ansporn geben, neue Filmhorizonte ins Visier zu nehmen. Es lohnt sich, denn LUCAS wirkt über Frankfurt hinaus auf die Kinderkinokultur in Deutschland.

 



Welche Bedeutung haben Filme für Kinder?
Mit Geschichten kann man Reisen durch Raum und Zeit machen und neue Welten kennenlernen. So ermöglichen Filme Erlebnisse und Erfahrungen, die über die eigene Lebenswelt hinausgehen und den Erfahrungshorizont der Kinder erweitern. In der Auseinandersetzung mit den Geschichten, den Figuren und deren Handlungen entwickelt sich auch das Wertesystem, und durch die erlebnishafte emotionale Anteilnahme am Handlungsgeschehen prägen sich die im Film vermittelten Werte sehr viel stärker ein als durch eine rein verbale argumentierende Vermittlung. Deshalb ist die Bedeutung, die Filme für die Entwicklung von Kindern haben, nicht hoch genug einzuschätzen.

Was macht einen guten Kinderfilm aus?

Kinder lieben es, wenn Neugier und Phantasie angeregt wird. Sie möchten etwas erleben und sich mit Themen und Problemen ihrer Lebenswelt auseinandersetzen, am liebsten aus der Sicht von Protagonisten, die ebenfalls Kinder sind. Sie dürfen zu Recht erwarten, dass die Geschichten mit Tiefgang erzählt werden und die Erzählweise sie nicht unterfordert. Gut oder gelungen kann man einen Kinderfilm dann nennen, wenn er sowohl die berechtigten Ansprüche und Erwartungen der Kinder, als auch die der Eltern und Erzieher in hohem Maß erfüllt.

Was ist das Besondere am Kino?
Film und Fernsehen unterscheiden sich vornehmlich durch den Eventcharakter. Frei von Störungen durch die Umwelt kann der Zuschauer in der Dunkelheit des Kinosaals ganz und gar eintauchen in das Geschehen. Zugleich können die Reaktionen der anderen Zuschauer die eigenen Emotionen verstärken, und so kann es zu einem viel intensiveren Erlebnis kommen, als es zu Hause auf dem Sofa möglich wäre. Deshalb ist es wünschenswert, dass möglichst viele gute Kinderfilme tatsächlich den Weg ins Kino finden. Erfolge auf Kinderfilmfestivals wie LUCAS können dabei eine entscheidende Rolle spielen.

 



Ihr Lieblingsfilmzitat?
„Ich mache Wunder lieber, als dass ich auf sie warte.“
(aus DIE EHE DER MARIA BRAUN von Rainer Werner Fassbinder, BRD 1979).

Ihre schönste LUCAS-Erinnerung?
Die wunderbare Annette Friedmann kennenlernen zu dürfen (wir sind zusammen das Auswahlgremium für die LUCAS-Langfilme)

Der oder die Lieblingsfilmheld/in Ihrer Kindheit?
Da ich als Kind ja schon viele Filmklassiker sehen durfte – Laurence Olivier als Heathcliff in WUTHERING HEIGHTS (STÜRMISCHE HÖHEN, USA 1939, Regie: William Wyler), den ich mit ca. 11 Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Leidenschaft, Durchsetzungsvermögen und eine Spur „craziness“. Yeah!

 

Was verbinden Sie mit LUCAS?
LUCAS ist für mich persönlich meine spannendste und intensivste Zeit am Deutschen Filmmuseum gewesen. Daher verbinden sich damit viele unglaubliche Momente. Faszinierend und fordernd zugleich ist schon allein der Rhythmus eines Festivals, wie die langen Vorbereitungen, das Entdecken und Heben von filmischen Schätzen sowie die Menschen hinter all diesen Filmen zu treffen und zum Festival einzuladen – das für sich ist schon sehr besonders. Zu spüren, wie im Festivalteam die Spannung und Vorfreude wächst, Ideen zum Programm Gestalt annehmen, Herausforderungen zusammen gemeistert werden und so der Spirit eines Festivals wie LUCAS greifbar wird, hat mich immer wieder aufs Neue gepackt. Ein tolles Gefühl!

Ihre schönste LUCAS-Erinnerung?

Eine meiner schönsten Erinnerungen ist, wie es einmal gelungen ist, trotz aller Widrigkeiten und Hindernissen den äthiopischen Kinderdarsteller Hanok Tadele nach Frankfurt zu bringen, obwohl ihm die Ausreise von den Behörden überraschend wieder entzogen wurde. Und das eine Woche vor dem Festival! Da haben wir alles gegeben, damit es doch klappt. Beim Anblick aller Festivalgäste, die samt Hanok und dem Team im Eppelwoi Express durch Frankfurt geschaukelt sind, habe ich mich einfach nur wahnsinnig gefreut. Da wusste ich, dass sich die Mühe gelohnt hat und auch, welchen verbindenden Charakter solche besonderen Festivals wie LUCAS besitzen. Später hat sich der Regisseur des Films ganz rührend bei mir bedankt. Das sind schon Momente, die in Erinnerung bleiben.

Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?
Alles, alles Gute, großen Spaß und eine leckere Torte natürlich! Dazu: Nette Gäste, tolle Begegnungen und – na klar – viele interessante, lustige, nachdenkliche, alberne, ernste, lange und kurze Filme. So wie wir es von LUCAS gewöhnt sind!

 


Ihre schönste LUCAS-Erinnerung?

Neben den vielen filmischen Entdeckungen, die ich während meiner Zeit als Orga-Leitung beim Festival jedes Jahr aufs Neue machten durfte, den zig spannenden Begegnungen mit unseren Gästen, FilmemacherInnen aus aller Welt, zählt tatsächlich der Sprung ins kalte Wasser zu einer meiner prägnantesten und schönsten Erinnerungen: Eine unserer EinsprecherInnen wurde von heute auf morgen krank und hatte schlicht weg keine Stimme mehr! Statt ihrer musste ich den schwedischen Film „Misa Mi – Freundin der Wölfe“ einsprechen – zu meinem Glück hat der Film ein langsames Erzähltempo, eine einfühlsame Geschichte über Misa, das Stadtkind, mit ruhigen, großartigen Natur-Bildern.

Der oder die Lieblingsfilmheld/in Ihrer Kindheit?

Definitiv „Ronja Räubertochter“… und diese herrlichen wiesodennbloß-Rumpelwichte.

Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?

Nicht nur viele bunte Luftballone gehören genauso wie eine feiste mehrstöckige Torte und Konfetti zum einem Jubiläum dazu – nein, sondern ich wünsche insbesondere auch der neuen Festivalleitung einen gelungenen Start und dass dies ihr Auftakt zu vielen folgenden Ausgaben sein möge, sie dem Festival einen neuen Spirit verleiht, aufregende Entdeckungen macht und den Generationenwechsel einläutet.

 


Was verbinden Sie mit LUCAS?

Viele aufregende Jahre und große Emotionen. Ich war 1978 zum ersten Mal dabei und habe das Festival dann bis 1991 gemeinsam mit Walter Schobert geleitet. In den 80er Jahren hat sich LUCAS zu einem wichtigen internationalen Treffpunkt entwickelt für alle, die das Kino lieben und mit Kindern sehen, fühlen und erleben wollten. Ich erinnere etliche besondere und bewegende Begegnungen mit Filmemachern und Fachbesuchern aus aller Welt, aber auch mit dem Publikum in Frankfurt und den Jurykindern.

Was macht einen guten Kinderfilm aus?

Dass es ein guter Film ist – nicht nur für Kinder! Ob es ein Film ist für Kinder, mit Kindern oder ein Film, der in kein Raster passt, hat für das Publikum keine Bedeutung. Zum Beispiel einer meiner Lieblingsfilme „Mein Leben als Hund“ von Lasse Hällström war nicht speziell für Kinder gemacht, aber ’großes Kino’, auch für Kinder.

Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?

Weitermachen und nicht nachlassen 🙂

 


Was verbinden Sie mit LUCAS?
Die ersten Jahre (Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er) waren für mich die schönsten und spannendsten. In Frankfurt fand sich eine internationale Kinderfilm-Szene zusammen, die ihre eigenen Qualitäten hatte. Im Gegensatz zu anderen Festivals, die von Konkurrenz-Denken und Kommerz-Interessen geprägt waren und ein roter Teppich die Gäste vom Publikum trennte, wurde hier das Gemeinsame und nicht das Trennende betont. Nach und nach stellte sich so etwas wie ein familiäres Verhältnis ein. (Das Kinderfilmfest der Berlinale gab es zu dieser Zeit noch nicht.)

Der oder die Lieblingsfilmheld/in Ihrer Kindheit?

Meinem ersten Filmhelden begegnete ich im Alter von acht/neun Jahren. Es war SABU, der Hauptdarsteller in der Realfilm-Version „Das Dschungelbuch“ von Zoltan Korda (USA 1942); heute ein Filmklassiker. Der im indischen Dschungel unter Wölfen aufgewachsene Junge lebte in einer mir völlig fremden und faszinierenden Welt. Ich hingegen wuchs in einer Ruhrgebiets-Trümmerlandschaft auf; unsere Lebens- und Spielräume fanden wir in den Ruinen. Für mich war klar: Solche Abenteuer wie SABU wollte ich auch gerne erleben.
Erstmals sah ich auch einen Tiger; er war aus meiner Sicht und Wahrnehmung heraus gute drei Meter groß. Als ich dann später im Zoo leibhaftige Tiger sah, waren das für mich nur größere Katzen. Ich wusste es besser, denn ich hatte ja zuvor die richtigen Tiger gesehen.

Ihr Lieblingsfilmzitat?

Jean-Luc Godard hat gesagt: „Film ist die Wahrheit, vierundzwanzigmal in der Sekunde!“ Ich füge hinzu: „Und Kinos sind die Räume, in denen die Wahrheit über die Zeit gerettet wird!“

 


Was verbinden Sie mit LUCAS? / Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?
Das erste Filmfestival für Kinder in der Bundesrepublik Deutschland war auch für mich das erste Kinderfilmfestival, das ich besuchte. Damals waren deutsche Kinderfilme noch ziemlich rar, so dass damit kaum ein Programm zusammengekommen wäre – doch mit der Präsentation der speziell für ein junges Publikum gedrehten Filme vor allem aus Skandinavien und aus den bis 1989 sozialistischen Ländern, auch aus unserem Nachbarland DDR, hat sich der Weg nach Frankfurt immer gelohnt. Es war ja hierzulande die Zeit des „Aufbruchs zum neuen deutschen Kinderfilm“ und es entstanden eine Reihe von Initiativen und Institutionen zur Förderung des Kinderfilms, Kinderkinos und weiterer Kinderfilmfestivals. Ab 1980 informierte die von Hans Strobel und mir gegründete Fachpublikation „Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz“ regelmäßig über die immer lebhafter werdende Kinderfilmszene. Doch ein wichtiger erster Baustein wurde in Frankfurt gelegt mit der zunächst bescheidenen „Internationalen Kinderfilmwoche“, die sich sehr bald als „Internationales Kinderfilmfestival“ – ab 1984 mit dem Preis LUCAS – zu einem festen Termin auch für Fachleute aus den europäischen Nachbarländern entwickelte. In den vier Jahrzehnten seines Bestehens hat das Festival manche Stürme erlebt – und gut überstanden. Das freut mich und ich verbinde damit auch den Wunsch, dass LUCAS seinen Platz im internationalen Festivalreigen hält und weiter ausbauen kann.

Was macht einen guten Kinderfilm aus?
Ein „guter Kinderfilm“ hat eine für Kinder nachvollziehbare Geschichte, nimmt das junge Publikum ernst, führt in fremde Welten, in Abenteuer, hat spannende Szenen, die im Zusammenhang mit der Filmhandlung stehen und nicht zum Selbstzweck werden, handelt auch vom realistischen Alltag der Kinder, zeigt auch schwierige Situationen, die bestanden werden müssen, entlässt die Kinder aber immer mit einer Hoffnung, einem guten Gefühl, macht Mut und trägt – im besten Fall – dazu bei, die Kinder für die Anforderungen ihres Alltags zu stärken.

Welche Bedeutung haben Kinofilme für Kinder?
„Filme sind fürs Kino gemacht“ – dieser Slogan gilt auch – und eigentlich besonders – für Kinder-Kinofilme. Einen guten Kinderfilm im dunklen Kinosaal zu sehen, wo nichts ablenkt, wo man sich voll auf die Leinwand konzentrieren kann. Großes Bild, guter Ton. Gemeinsam mit anderen Kindern – und Erwachsenen – zu lachen, zu bangen, schließlich glücklich zu sein, das ist ein besonderes Erlebnis, das ich vielen Kindern wünsche.

 


Wovon wünschen Sie sich mehr im (deutschen) Kinderfilm?
Der deutsche Kinderfilm muss mehr wagen und Mut zum Experiment haben, statt zu sehr auf alte Erfolgsrezepte zu setzen. Er müsste andere Geschichten auch in einer anderen Form erzählen und eine größere Themenvielfalt aus dem Lebensbereich der Kinder aufgreifen. Die gängigen Figurenkonstellationen von Rumpf- und Patchworkfamilien mit alleinerziehenden oder überforderten Elternteilen sind ausgereizt. Wenn Eltern und Erwachsene vorkommen, dann sollten sie keine Lachnummern oder Karikaturen ihrer selbst sein, sondern vernunftbegabte Menschen, die Fehler machen dürfen, aber grundsätzlich auf Kinder eingehen können. Es fehlt immer noch an Zutrauen in die Fähigkeiten von Kindern, ihre Probleme und Konflikte ohne Hilfe von Erwachsenen zu lösen. Mehr Spiel, Spaß und vor allem Fantasie sind gefragt, was aber nicht heißt, dass die Entwicklung der Charaktere zugunsten eines einfachen Handlungsgerüsts vernachlässigt wird. Das gilt auch für Genrefilme, die sich nicht nur in Abenteuern und Kinderkrimis erschöpfen dürfen, sondern u.a. auch Grusel und „kindgerechten“ Horror einschließen.

Welche Bedeutung haben Kinofilme für Kinder?
Mit Kinofilmen, die mit anderen Kindern gemeinsam im abgedunkelten Kinosaal gesehen werden und die ganze Aufmerksamkeit binden, entdecken Kinder auf abgesicherte und unterhaltsame Weise, oftmals sogar spielerisch, die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Welt. Sie vergleichen sich mit anderen Kindern und deren Fähigkeiten und Schicksalen, können ihre eigenen Konflikte und Probleme relativieren und erhalten Anregungen, wie sich das Leben besser meistern lässt. Darüber hinaus werden sie mit der Kulturtechnik des Empathie fördernden, aber auch kritischen Filmesehens vertraut und erleben ihre (ersten) Erfahrungen mit Kunst und Kultur.

Was wünschen Sie LUCAS zur 40. Ausgabe?
Genau das, was bei dieser Altersstufe gerne gewünscht wird: Jung und mindestens weitere 40 Jahre aktiv und lebendig bleiben, sich auf die Wurzeln rückbesinnen und gleichzeitig offen für Innovationen und Veränderungen sein, natürlich auch eine solide finanzielle Ausstattung, ein dankbares Publikum und viele sehenswerte Filme, egal wie jung oder wie alt diese sind.