LUCAS Kritikfenster 2020 – Filmkritiken

LUCAS Kritikfenster 2020 – Filmkritiken

Die Filmkritik vermittelt zwischen Werk und Publikum und ist ein bedeutendes Arbeitsfeld in der Filmkultur. Welcher Film ist toll, welcher nicht – und vor allem: Warum? Kritiken schreiben, das heißt stilsicher und überzeugend die eigene Meinung formulieren, und genau das steht beim LUCAS Kritikfenster auf dem Programm.

Auf dem Festival sichten die Nachwuchskritiker/innen zuerst mehrere Wettbewerbsfilme und gehen dann in Workshops mit Filmpädagogin Lara Verschragen deren inhaltlicher und ästhetischer Gestaltung auf den Grund. Dabei lassen sich die jungen Kritiker/innen auch in einem Pandemiejahr nicht aufhalten: Mit Abstand und Online-Sitzungen geht’s an die Arbeit.

Filmkritiken zu Kurzfilmprogramm 6 | 15+

Alles mitgefilmt?  

Serena soll ihrem Nachhilfeschüler ein witziges Lied vorsingen und obwohl sie erst gar nicht will, bekommt Christopher sie, vor laufender Handykamera, doch noch dazu. Beide lachen, sie scheinen viel Spaß zu haben und sich immer mehr füreinander zu interessieren.

AMATEUR ist ein italienischer Kurzfilm, ein Kammerspiel aus 2019 von Simone Bozzelli und findet an nur einem Ort statt, nämlich in Christophers Zimmer. Als Zuschauer/in fühlt man sich  dem Geschehen ganz nah, denn Serena ist erst nur aus der gefilmten Handy-Perspektive zu sehen  und auch als man diese Perspektive verlässt, gelingt es einem nicht, der Enge der Situation zu entkommen. Ein sehenswerter Film, der einen sowohl intensiv mitfühlen als auch mitzweifeln  lässt. 

 Laura Faller, 19  

 

Wer ist der Esel? 

Ein wuscheliger Pagenkopf, ausdrucksstarker Eyeliner und ein gemustertes Hemd, darüber einen dunklen Wollmantel, ob blau, grau oder braun: unklar. BOREDOM ist schwarz-weiß. Das ist nicht der einzige Grund, warum sich dieser Film schwer in eine konkrete Zeit einordnen lässt. Die Innenarchitektur ist zeitlos spießig, das Eselskostüm frühe 2000er, Miros Frisur und Brillenmodell 70er Jahre. Der Schnitt, die Kameraführung und die Einstellungen könnte man zwischen einem alten Westernklassiker, einer Theaterkulisse, einem Wes Anderson-Film und Jean-Pierre Jeunets DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE einordnen. 

Greta steht im Mittelpunkt. Gleichzeitig ist sie Erzählerin und das von Anfang an. Wie wahrheitsgetreu sie berichtet muss man für sich selbst herausfinden. Mit kühner Nüchternheit und fast dunklem Humor bekommen die Zuschauer/innen in einer dramatischen 5-Akt-Struktur einen Einblick in ihr Leben. Greta braucht einen Job, beziehungsweise wünschen sich ihre Eltern das. Dabei versuchen sie Greta nicht allzu sehr damit zu bedrängen, das versteht sie.  Auch wenn nicht alles direkt auf einmal klappen soll, findet sie schon einen anderen Weg zu ihrem Ziel.  

Der 19-minütige Kurzfilm aus der Slowakei von Alica Bednáriková ist voller Ästhetik und Selbstsicherheit. Man erkennt die Liebe und Hingebung zu Film in jedem einzelnen Dialog und jeder Bildkomposition.  

Nike Vogt, 19

 

Das Mädchen aus dem Film. Was NUDA und AMATEUR uns übers Sehen und Gesehenwerden erzählen  

 »Ihr werdet mich auf der Straße treffen und sagen: Schau, da ist Greta. Das Mädchen aus dem Film. Und ihr werdet Recht haben. Das war ich.« Der Film, von dem Greta spricht, heißt NUDA (Intl. Titel BOREDOM, dt.: »Langeweile«). Gemacht hat ihn die slowakische Regisseurin Alica Bednáriková, aber er gehört zweifellos seiner jungen Protagonistin. Greta wohnt allein, sagt sie. Das ist zwar gelogen, aber man wird sich ja wohl noch künstlerische Freiheiten nehmen dürfen, insbesondere, wenn es um die eigene Geschichte geht. Greta baut sich eine Welt in schwarz und weiß, in 4:3, in Bildern, die mal an François Truffaut und mal an Paweł Pawlikowski erinnern, und durch Titelkarten unterbrochen werden, die uns genau wissen lassen, in welchen Abschnitt des aristotelischen Dreiecks wir uns als nächstes begeben — ein Level an Kontrolle, das Simone Bozzelli, der Regisseur des italienischen Kurzfilms AMATEUR, seiner jungen Hauptfigur nicht vergönnt.  

Wir lernen Serena gegen ihren Willen kennen, sehen sie zuerst in einer verwackelten Handyaufnahme, die ihr Mitschüler Christopher heimlich von ihr macht. Zu zweit sitzen sie in Christophers Zimmer: Sie gibt ihm Deutschnachhilfe, er zeigt mehr Interesse daran, sie singen zu hören. Ein deutsches Kinderlied verlangt er von ihr, Das Krokodil vom Nil. Als sie die Kamera entdeckt, wird sie schüchtern. Schließlich singt Serena es doch und wird mit Christophers Lachen belohnt. Weil sie darauf nicht mehr verzichten möchte, gewöhnt sie sich an sein Handy und damit, ohne es zu wissen, auch an uns. Wir sehen ihnen dabei zu, wie sie sich näher und näher kommen, bis wir jede Pore einzeln erkennen können, und als Christopher dann das Handy erneut zückt, macht sich in Serena und in uns Unbehagen breit. »Mit wem schreibst du?«, fragt Serena. »Ich will mitlachen.« Wir fühlen: Es hat ein unfairer Tausch stattgefunden und AMATEUR hat uns zu Komplizen und Komplizinnen gemacht. 

So weit würde Greta es niemals kommen lassen. Sie krallt sich NUDA und rennt damit in Kreisen um uns herum. Hin und wieder stolpert sie und der Film rutscht ihr aus den Fingern aufheben, abstauben, weitermachen. Sie darf im Krippenspiel die Maria nicht spielen? Dann eben den Esel, aber den um jeden Preis. Blick nach vorn, Blick in die Kamera, Blick ins Publikum. Aber obwohl sich Greta, im Gegensatz zu Serena, unserer Anwesenheit völlig bewusst ist, sie sogar begrüßt, ist ihre Beziehung zu uns keine vertrauensvolle. Stattdessen zieht sie gleich zu Beginn klare Grenzen: Kennenlernen ist erlaubt — keine Zeit für Rückfragen, kein Anspruch auf Vollständigkeit. Take it or leave it.  

NUDA und AMATEUR nähern sich aus unterschiedlichen ästhetischen und erzählerischen Ecken dem Thema Ownership und gewähren uns einen schnellen Blick auf zwei sehr verschiedene junge Frauen. Gleichzeitig machen die Filme deutlich: Ein Blick ist immer ein Privileg und niemals passiv. Einmal bittet Gretas Mutter beim Mittagessen ihren Mann darum, sich am Tischgespräch zu beteiligen. Seine Antwort: »Ich sitze hier. Also bin ich Teil des Gesprächs.« 

 Sean Pfeiffer, 20 

Filmkritiken zu ABOUT THAT LIFE

Nur das Ziel zählt

Jung, verrückt und rebellisch; so lässt sich die Freundschaft zwischen Bilal, Gregg und Kevin knapp beschreiben. An nur einem Tag erleben die drei Amsterdamer Schüler Ungeahntes. Ihr Ziel ist ein beliebter Nachtclub in der Innenstadt. Der Film DE LIBI (ABOUT THAT LIFE) von Shady El-Hamus ist 2019 in den Niederlanden entstanden und lässt sich im Coming-of-Age-Genre verorten.

Die drei Jungs haben sowohl Probleme in der Schule als auch Zuhause, doch sind sie zusammen in Bilals kleinem Auto unterwegs, vergessen sie das alles. Bilals Plan in den Nachtclub zu kommen, wird immer komplizierter: Wieder und wieder geraten sie durch Bilals respektloses Verhalten und seine Lügen in gefährliche Situationen. Ein Film, der es einem schwierig gestaltet, ihn und seine Charaktere wirklich ins Herz zu schließen, sogar ganz im Gegenteil. Durch all den Ärger, den die Jungs anrichten, wartet man als Zuschauer/in eigentlich nur darauf, dass sie endlich ihre Lektion lernen, doch wartet man vergebens. Aber wer Coming-of-Age-Filme mag, könnte sich für diese etwas anders umgesetzte Variante des Genres durchaus interessieren.

Laura Faller, 19

 

„WE VLIEGEN BROERTJE!“

„Ich werde fliegen“ ist einerseits Mantra, andererseits Entschuldigung für den eigenwilligen Lebensstil den DE LIBIs Protagonist Bilal führt. Sein Ziel ist es einmal groß rauszukommen, wie seine Rap-Idole Hef und Lil Kleine, die sich eine 20.000-Euro-Rolex leisten können und Stammgäste im Amsterdamer Club Jimmy Woo sind.

In der Eröffnungsszene sieht man Bilal die Hausfassade bis zur Wohnung seines besten Freundes Gregg hochklettern, um diesen für die Schule zu wecken. Diese Szene spricht für seine Herangehensweise, das zu erreichen, was er sich so alles in den Kopf gesetzt hat: Ohne Rücksicht auf Verluste. Das muss der eine oder andere Straßenpassant und Lehrer, aber auch seine besten Freunde Gregg und Kev am eigenen Leibe spüren. Die drei Freunde stoßen hier und da an private, aber auch systemische Hürden – ob zuhause oder in Konfrontation mit der Polizei. Der Film geht weniger intensiv auf diese ernsten Inhalte ein als auf den euphorischen Drang nach Abenteuer und Selbstverwirklichung. Schade eigentlich, denn genau an den Punkten hätte man als Zuschauer/in die Charaktere auf einer tieferen Ebene kennengelernt.

ABOUT THAT LIFE von Shady El-Hamus ist ein Film, der trotz alledem durch seine Hip-Hop und Rap Sounds, den Slang und das Auftreten von realen Personen (Hef) die heutige Jugendkultur zutreffend porträtiert.

Nike Vogt, 19

 

Bilal macht blau

»Ich werde fliegen.« Bilal träumt von dem Augenblick, in dem er die Schule endlich hinter sich lassen kann. Fliegen bedeutet Geld. Fliegen bedeutet Mädchen. Fliegen bedeutet eine erfolgreiche Rapkarriere. Am liebsten mit seinen Freunden Gregg und Kevin an seiner Seite. Gemeinsamen fliegen sie in ihrem kleinen roten Auto durch Amsterdam. Noch ohne Geld oder Mädchen oder Karriere, dafür mit dem Ziel, es um jeden Preis auf die Gästeliste des Jimmy Woo Clubs zu schaffen, denn wer das kann, kann alles. Auch die Tatsache, dass Gregg und Kevin vielleicht andere Abend- oder Lebenspläne hegen, bringt Bilal und seine drastischen Methoden nicht ins Wanken.

Immer wieder lässt das Regiedebüt von Shady El-Hamus durchblicken, dass es mehr sein könnte als ein federleichtes Generation-Z-Update von John Hughes und seinesgleichen, und immer wieder entscheidet es sich dagegen. Bereits in den ersten Szenen werden diverse Genreklischees bedient, vom Gespräch mit dem Rektor bis zur Sexualisierung der Mutter des besten Freundes (und jeder anderen weiblichen Figur des Films). Dabei liegen tief unter der glatten Oberfläche Fragen nach Zugehörigkeit, toxischer Männlichkeit und intergenerationellen Spannungen. Zusätzlich wird angedeutet, dass Kevin Sorgen um seine kranke Mutter plagen, und wiederholt werden Bilal und Gregg mit rassistischen Mikroaggressionen konfrontiert — leider sind weder der Film noch die Protagonisten dazu bereit, mit diesen Konflikten in eine ernsthafte Verhandlung zu treten.

ABOUT THAT LIFE (Originaltitel: DE LIBI) erlaubt sich keine künstlerischen oder erzählerischen Risiken und vermeidet damit zwar potenzielle Fehltritte, schwebt aber immer ein paar Zentimeter über dem tiefgehenden Film, der er hätte sein können.

Sean Pfeiffer, 20

Filmkritiken zu ECSTASY

Wie eine Droge 

Anorexie und Ekstase – zwei Worte, ein Film. Zwei Begriffe, die erstmal keinen Zusammenhang  haben und doch eng verknüpft sind. Clara sieht einen blauen Punkt, wenn ihre Selbstkontrolle  nachlässt; er wird langsam größer, bis sie wieder Kontrolle zurückerlangt und der Hunger verdrängt  ist. Sie fühlt sich gut, wenn sie nichts isst, wie eine Droge fühlt es sich an, wie Ekstase.

Moara Passonis Film ECSTASY benutzt eine collagenartige Bildsprache, die sich aus privaten Fotos  und unterschiedlichen, stimmungsvollen Szenerien zusammensetzt. Dies vermittelt Emotionen. Es ist allerdings durch die Menge an unterschiedlichen Bildern am Ende schwierig einzuordnen,  welche Handlungen wann passiert sind. Der einzige rote Faden des Films ist Claras Heranwachsen,  beginnend beim Fötus im Mutterleib bis zur jungen Studentin. An manchen Stellen des Films tauchen Details auf, bei denen man als Zuschauer/in erst einmal nicht versteht, warum diese dort platziert sind, wie zum Beispiel der Sturz der Diktatur in Brasilien. Grund dafür ist Passonis persönlicher Bezug zur Handlung, da ein Großteil der Geschichte auf ihrem Leben basiert.

Insgesamt ist ECSTASY ein beeindruckender Film, der nicht wie andere Filme über Essstörungen versucht das Warum?, sondern das Wie? zu erklären, und der durch seine Ausdrucksform sehr gut auf der großen Kinoleinwand funktioniert.

Laura Faller, 19

 

Vier Mal vorm Frühstück


Ein Blauer Punkt repräsentiert den Willen, der über den Körper und seine Bedürfnisse herrscht. Er taucht immer wieder auf. Jeden Tag aufs Neue. Manchmal schon vier Mal vorm Frühstück.

Inhaltlich geht es in ÊXTASE (ECSTASY) von Moara Passoni um Anorexie. Doch der Film hebt nicht den Anspruch am Ende diese Krankheit als Außenstehende*r nachvollziehen zu können. Der Krankheit wird eine Stimme gegeben und ein Gefühl, das nicht nur sprachlich durch das überwiegend genutzte Voiceover, sondern auch durch die Filmsprache entsteht. Der collagenhafte Aufbau gibt dem Erzählten eine poetische Ebene und Tiefe. Historisches und persönliches Film- und Fotomaterial untermauern die Gedanken der Protagonistin und Ich-Erzählerin Clara: Claras Mutter, hochschwanger in der 38. Woche, mitten in den Protesten gegen Ende der Diktatur in Brasilien 1985. Eine Freiheitskämpferin, die später Kongressabgeordnete wird. Neben ihr Militärs auf Pferden, deren Augen leuchten, so als wären sie besessen. Aufnahmen von der Hauptstadt Brasilia. Statische, formalistische Architektur, imposant und funktional. Ballett, ganz in weiß, wie durch eine Milchscheibe. Immer wieder Totenköpfe, Knochen und Organe, gestapelt, in Formaldehyd konserviert, oder von einer Schnecke bekrochen.

Nicht immer ist es klar, wo und wie man all diese Eindrücke einordnen soll. Das ist aber vielleicht auch gar nicht der springende Punkt. Viel leichter kann man in diesen Situationen das Zusammenspiel von Erzähltem, Bild und Sound auf sich wirken lassen. Eine gewisse Distanz zum Geschehen und der Protagonistin bleibt. Als Zuschauer*in schafft man es nicht ganz das Thema für sich wirklich greifbar zu machen. Das könnte einerseits an der Struktur liegen, in der Szenen nicht aufeinander aufbauen, und daran, dass es keinen chronologischen Erzählstrang gibt, durch den Spannung erzeugt werden würde. Die Zuschauer*innen befinden sich immer wieder in einer Position, in der sie sich erstmal wieder neu orientieren müssen. Welche Clara spricht? Die fünf-, fünfzehn- oder achtzehnjährige? Andererseits könnte es auch daran liegen, dass der Film eine gewisse Monotonie und Melancholie ausstrahlt, durch dessen Wand man nicht zu durchstoßen vermag.

Dieser Film ist ein Kunstwerk. Er wird nicht alle Fragen beantworten, die während des Schauens aufkommen. Dafür hätte es noch 20 Minuten mehr gebraucht. Das hat Moara Passoni im Q&A selbst gesagt.

Nike Vogt, 19

 

Ich träumte, ich wäre genug

„Anorexie bedeutet für mich Zurückweisung,“ sagt Moara Passoni. „Zurückweisung aller Standards und Muster, die unserem Körper aufgezwungen werden, die unseren Körper zähmen.“ ÊXTASE (ECSTASY) ist ihr Versuch, für diesen Gedanken eine Sprache zu finden, ihm eine Stimme zu geben.

Die Stimme heißt Clara und wir erleben sie von Beginn an in völliger Isolation. Losgelöst von jedem äußeren Einfluss spricht sie zu uns aus dem Off. Beschreibt einen Moment vor ihrer Geburt, in dem sie die Nabelschnur zudrückt und damit den bitteren Geschmack des Adrenalins aussperrt, den die politischen Unruhen in Brasilien im Mutterleib verursachen. Erzählt in hellen, verwaschenen Bildern von Ballettstunden und einem sich entwickelnden Bewusstsein für den eigenen Körper. Zeigt uns den aquarellartigen blauen Punkt, auf den sie sich konzentriert, wenn sie der Hunger überkommt, um sich daran zu erinnern: „Je weniger ich esse, desto mehr Energie habe ich.“ Anorexie heißt Selbstbestimmung. Anorexie heißt Schärfung der Sinne, heißt Reduktion auf das Wesentliche, auf einen blauen Punkt. Anorexie heißt Ekstase.

Aber wenn Clara davon träumt, sich die Körperöffnungen zuzunähen – nichts rein, nichts raus –, habe ich doch das Gefühl, Außenstehender zu bleiben, nicht erwünscht zu sein, und, als sich der Film dem Ende neigt, den Moment der Öffnung zu verpassen. Denn so überzeugt Clara von ihrer Idee des Selbstgenügens zu sein scheint, irgendwann kommt er. Der Moment, in dem sie die Nabelschnur freigibt, alles in sich hineinströmen lässt. Und ich weiß: ein Wandel hat stattgefunden, ich kann ihn sehen. Miterleben durfte ich ihn nicht.

ÊXTASE zeigt uns in eindrucksvollen Bildern den Sturz einer jungen Frau in die Abgründe der Anorexie, verweigert uns dann aber leider ihren Weg nach draußen.

Sean Pfeiffer, 20

Filmkritiken zu THE LAMB

Der Himmel über Sardinien

Anita ist sechzehn und muss nach dem Tod ihrer Mutter nun auch ihrem Vater Jacopo dabei zusehen, wie er langsam an einer Krebserkrankung zu Grunde geht, die durch Waffentests der benachbarten Militärbasis verursacht wurde. Da sie selbst als Knochenmarkspenderin nicht infrage kommt, bleibt Anita nichts anderes übrig, als Jacopos entfremdeten Bruder um Hilfe zu bitten und damit alte Wunden wieder aufzureißen. Um jeden Preis möchte sie ihren Vater retten. Auch wenn es bedeutet, sich gegen Prozesse zu stellen, die seit Jahrzehnten unangefochten ihren Lauf nehmen.

L’AGNELLO (THE LAMB) lebt von Marco Biscarinis gewaltigem Score und der zentralen Vater-Tochter-Beziehung, die Luciano Curreli und Nora Stassi (in ihrer ersten Filmrolle) auf einfühlsame Weise zum Leben erwecken. Regisseur Mario Piredda verlegt seine intime Geschichte über Zerwürfnis und Zusammenhalt in die schroffe Landschaft Sardiniens und schafft in seinen Bildern Weiten, die seine Charaktere unmöglich füllen können und die es ihnen umso schwieriger machen, einander zu erreichen.

L’AGNELLO ist während seiner Laufzeit durchgehend packend, wirft jedoch im Anschluss kaum Fragen auf, die nach einem zweiten Blick verlangen.

Sean Pfeiffer, 20

 

Rote lange Locken

Sardinien, eine Insel mit rauer Landschaft. In einem Stall bringt ein Schaf zwei Lämmer zur Welt, nur eins der Tiere überlebt.

Das ist die Ausgangssituation von THE LAMB, ein 97-minütiger Film von Mario Piredda, der selbst auf Sardinien aufgewachsen ist. Die Geschichte, die er erzählt, handelt von Anita. Sie ist ein frecher Rotschopf, spielt Schlagzeug und tut alles für ihre Familie. Anita wohnt bei ihrem Vater, der wie ihre verstorbene Mutter an Krebs erkrankt ist. Die Beziehung zwischen Anita und ihrem Vater bildet den Kern der Geschichte und wird fabelhaft von Luciano Curreli und Nora Stassi, die zum ersten Mal vor einer Kamera stand, gespielt. Durch den Charme, den beide vor der Kamera zeigen, könnte man wirklich meinen, dass sie Vater und Tochter sind. Auch das Lamm spielt noch eine Rolle. Ein rundum stimmiger Film, der einem positiv im Gedächtnis bleibt.

Laura Faller, 19